Familienbasierte Erstintervention bei Anorexie nervosa

Familienbasierte Erstintervention bei Anorexia nervosa

Familie als Ressource – nicht als Ursache

Eine Anorexie betrifft immer die ganze Familie. In der Behandlung von Kindern und Jugendlichen hat sich daher der familienbasierte, trialogische Ansatz bewährt: Die betroffene Person, Eltern und Therapeut:in kämpfen in der Behandlung gemeinsam gegen die Essstörung. Nicht die Ursachenforschung steht anfangs im Vordergrund, sondern die Stabilisierung der körperlichen Gesundheit.

Das Erstgespräch – gemeinsam einen Weg finden

Zu Beginn steht das gegenseitige Kennenlernen: Die Therapeut:in nimmt sich Zeit, die Sichtweisen der betroffenen Person und der Eltern zu verstehen. Danach erfolgen die diagnostische Einordnung, Informationen über das Erkrankungsbild (Psychoedukation) sowie klare Behandlungsempfehlungen.

Erstes Ziel: Gewichtsstabilisierung

Das anfängliche Ziel lautet: kein weiterer Gewichtsverlust. Danach geht es darum, das Gewicht schrittweise zu steigern – idealerweise um etwa 500 g pro Woche. Die Basis dafür: drei Haupt- und drei Zwischenmahlzeiten täglich. In einigen Fällen sind auch ein Sport- oder sogar Schuldispens angezeigt, um einer weiteren Gewichtsabnahme entgegenzuwirken und eine Gewichtszunahme zu unterstützen.

Aufgabenteilung – wer übernimmt was?

In der ersten Phase liegt die Verantwortung für die Mahlzeiten bei den Eltern, die die Lebensmittel einkaufen, die Mahlzeiten planen, zubereiten und portionieren und ihr Kind beim Essen begleiten. 

Die Aufgabe der betroffenen Person besteht darin, die vorbereiteten Mahlzeiten vollständig zu essen.

In den wöchentlichen therapeutischen Sitzungen reflektieren die Familie und Therapeut:in: Was hat gut funktioniert? Wo gab es Herausforderungen? Gemeinsam werden Abmachungen für die Folgewoche verabredet.

Zur Unterstützung werden einige klare Regeln eingeführt:

Keine Gespräche über Essen, Gewicht oder Aussehen
Keine Rückmeldung von den Eltern zu körperlichen Veränderungen
Kein Wiegen zu Hause – das übernimmt eine Fachperson
Enge medizinische Begleitung 

Es erfolgt ausserdem eine enge Zusammenarbeit mit eine:r Kinder- oder Hausärzt:in.  Zu Beginn werden Blutwerte und Vitalparameter (Blutdruck, Puls) bestimmt, ein EKG durchgeführt und Grösse und Gewicht gemessen. Im Verlauf erfolgen wöchentliche Gewichtskontrollen. Auch eine Bestimmung der Knochendichte kann angezeigt sein.

Was tun, wenn ambulant keine Besserung eintritt?

Wenn sich zeigt, dass ambulant keine ausreichende Gewichtszunahme gelingt, wird die Therapie intensiviert: z. B. durch ein Hometreatment oder einen stationären Aufenthalt.

Sobald sich die Situation stabilisiert, wird die Verantwortung für das Essen schrittweise an die betroffene Person zurückgegeben und auch Bewegung wieder in den Alltag integriert. Die Gespräche finden zunehmend ohne Eltern statt – der Fokus verschiebt sich auf Psychotherapie: Warum hat sich die Essstörung entwickelt? Welche Funktion hat sie möglicherweise? Und wie kann ein Leben ohne Essstörung aussehen?